Aktuelle Ausgabe


Werbeflyer Download   Werbeflyer



Nr. 149 Buen vivir - gut leben, aber wie


Inhalt:

Inhaltsverzeichnis

Zu diesem Heft, S. 3

Ana Patricia Cubillo-Guevara, Julien Vanhulst, Antonio Luis Hidalgo-Capitán & Adrián Beling:
Die lateinamerikanischen Diskurse zu buen vivir. Entstehung, Institutionalisierung und Veränderung, S. 8

Timmo Krüger:
Politische Strategien des buen vivir. Sozialistische Regierungspolitik, indigene Selbstbestimmung und Überwindung des wachstumsbasierten Entwicklungsmodells, S. 29

Pedro Alarcón, Katherine Rocha & Simone Di Pietro:
Die Yasuní-ITT-Initiative zehn Jahre später. Entwicklung und Natur in Ecuador heute. S. 55

Diskussion
Reinhart Kößler:
Buen vivir - die leere Alternative? S. 74

Anna-Lena Dießelmann & Andreas Hetzer:
Die Inferiorität des Anderen. Lateinamerika. in der Auslandsberichterstattung deutscher Leitmedien, S. 79

PERIPHERIE-Stichwort
Ana E. Carballo, Adrián Beling & Julien Vanhulst: Buen vivir, S. 96

Charlotte Schumann: Indigenität, S. 100

REZENSIONEN, S. 105
Yntiso Gebre, Itaru Ohta und Mototji Matsuda (Hg.): African Virtues in the Pursuit of Conviviality. Exploring Local Solutions in Light of Global Prescriptions (Jacqueline C. Krause);
Sarah Helen Sott: Desartikulation statt Transitional Justice? Subalterne Perspektiven in der kolumbianischen Vergangenheitsbewältigung (Anne Burkhardt);
Vilho Amukwaya Shigweda: The Aftermath of the Cassinga Massacre. Survivors, Deniers and Injustices (Reinhart Kößler);
Ernest Harsch: Burkina Faso. A History of Power, Protest, and Revolution (Bettina Engels);
Ingrid Palmery: Gender, Sexuality and Migration in South Africa. Governing Morality (Rita Schäfer);
Melanie Müller: Auswirkungen internationaler Konferenzen auf soziale Bewegungen. Das Fallbeispiel der Klimakonferenz in Südafrika (Rita Schäfer);
Daniel Plaatjies, Margaret Chitiga-Mabugu, Charles Hongoro, Thenjiwe Meyiwa, Muxe Nkondo & Francis Nyamnjoh (Hg.): State of the Nation. South Africa 2016: Who is in Charge? Mandates, Accountability and Contestations in South Africa (Rita Schäfer);
Christoph Marx: Mugabe. Ein afrikanischer Tyrann (Reinhart Kößler);
Georg Simonis (Hg.): Handbuch Globale Klimapolitik (Daniela Perbandt);
Wolfgang Ischinger & Dirk Messner (Hg.): Deutschlands neue Verantwortung. Die Zukunft der deutschen und europäischen Außen-, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik (Jörg Kronauer);
Ulrich Luig: Weltfriedensdienst e.V. - Geschichte einer Idee (Theo Mutter);
Kaveh Yazdani: India, Modernity and the Great Divergence. Mysore and Gujarat (17th to 19th C.) (Dietmar Rothermund)

Eingegangene Bücher, S. 130
Summaries, S. 132
Zu den Autorinnen und Autoren, S. 134
Gute Buchläden, in denen die Peripherie zu haben ist, S. 136




Zu diesem Heft

Buen vivir - sumak kawsay oder suma qamaña in den indigenen Sprachen der Quechua und Aymara - verortet seine Wurzeln in andinen indigenen Kosmologien. Gut leben im Sinne von gut zusammenleben ist ein wichtiges Prinzip in Weltanschauungen indigener Völker des Andenraumes. Eine zentrale Rolle in diesen Kosmologien spielt Pachamama, Mutter Erde als heilige Quelle allen Lebens. Während des alternativen Klimagipfels in Cochabamba 2010 wurde die universelle Erklärung der Rechte der Mutter Erde verabschiedet, und selbst in der Präambel des in Paris 2015 ausgehandelten Klimaabkommens wird sie erwähnt. In der Anerkennung von Natur als Rechtssubjekt ist eine klare Abgrenzung zum westlichen, säkularen Weltbild der Moderne sichtbar, in der Natur nur als rechtlose Ressource zur schrankenlosen Ausbeutung durch den Menschen vorkommt.
Buen vivir wurde seit Anfang dieses Jahrhunderts in den Andenländern, v.a. in Ecuador und Bolivien diskutiert und fand Eingang in die Verfassungen beider Länder. Buen vivir beinhaltet natur- und gemeinschaftsbezogene Vorstellungen von einem guten Leben, und die Protagonist*innen verstehen es als Alternative zu Haltungen und Werten, die häufig sogenannten "entwickelten", industrialisierten, kapitalistischen Gesellschaften des Westens zugerechnet werden. Die Debatte steht in engem Zusammenhang mit den Diskussionen um Post-Development (im Süden) und - in geringerem Maße - auch um Postwachstum (im Norden).
Buen vivir steht somit für die Kritik am anthropozentrischen Weltbild der westlichen Moderne und ihrem Naturverhältnis, das Francis Bacon auf die Formel brachte: Wir erforschen die Natur, um sie uns untertan zu machen. Im Zweifelsfall auch durch großflächige Rodung von Wäldern, oder Tierversuche bis hin zur Vivisektion. In diesem Zusammenhang muss zweierlei erwähnt werden: Zum einen beinhaltet Naturbeherrschung menschheitsgeschichtlich auch großes Fortschrittspotenzial, beispielsweise im medizinischen Bereich. Zum anderen aber ist dieses hier als westlich bezeichnete Weltbild lediglich das in Europa hegemonial gewordene, nicht jedoch das einzige in diesem Kulturkreis. Auch hier gab und gibt es Dissident*innen, die einen anderen Umgang mit der Natur, bzw. in der spirituellen Formulierung: mit der Schöpfung, anmahnen, man denke an die Mystiker*innen, an Hildegard von Bingen, William Blake, Henry David Thoreau, William Morris oder Lev Tolstoj. Kultur ist überall stets konstruiert und dynamisch. Genau dies gerät jedoch bisweilen bei manchen Befürworter*innen ebenso wie bei Kritiker*innen von buen vivir aus dem Blick, die kulturelle Differenz verabsolutieren und von festen, quasi "tiefgefrorenen" Identitäten ausgehen - eine Vorstellung, die nicht nur im Hinblick auf Geschlechterverhältnisse fatal ist.
Doch es geht um mehr als Kultur: Dass in Ecuador und Bolivien mittlerweile buen vivir als Verfassungsziel und, damit verknüpft, Natur als Rechtssubjekt anerkannt ist, zeigt, dass es sich auch um ein politisches Konzept handelt, das von indigenen Bewegungen und Parteien propagiert wurde - ja sogar um einen Kampfbegriff. Die erbitterten Auseinandersetzungen in diesen Ländern über die Frage, welche Politiken mit dem Konzept vereinbar sind, führten dazu, dass Teile der indigenen Bewegungen der Regierung vorwerfen, unter dem Deckmantel des buen vivir Industrialisierung und kapitalistische Naturausbeutung weiter voranzutreiben, garniert mit Armutsbekämpfung. Die Regierungen wiederum behaupten, ihre Sozialpolitik sei ein Beitrag zum guten Leben für alle und diese müsse durch extraktivistische Politik finanziert werden. Dies wiederum kann den Verdacht nähren, dass hier kritische Konzepte und ihre Träger*innen zumindest teilweise in Herrschaftsstrategien kooptiert wurden oder zumindest Prozesse eingeleitet wurden, die solche Konsequenzen mit sich führen. Unbestreitbar ist zumindest, dass buen vivir im Unterschied zu individualistischen Vorstellungen den gemeinschaftlichen Zusammenhalt in kleinen Gruppen betont.
Die Periode linker Regierungen in Lateinamerika war nicht zuletzt gekennzeichnet von dem Bemühen, die Bestrebungen von Indigenen zu integrieren. Dies war und ist zugleich Ausdruck der Tatsache, dass zumindest einige dieser Gruppen eine Stimme gewannen und sich Gehör verschafften. Kritische Geister im Globalen Norden sahen darin häufig ein Versprechen authentischer Alternativen angesichts einer vermachteten und krisenhaften Realität. Buen vivir als das wohl bekannteste Konzept liegt daher im Trend oder, positiver gesprochen, es greift Konflikte und Kritiken auf, die vielen Menschen am Herzen liegen.
Andererseits gibt es viele, die in buen vivir eher ein Modethema sehen, einen Hype, der mit der Betonung von kultureller Differenz von den zentralen Fragen nach staatlicher Herrschaft und ökonomischer Ungleichheit ablenkt. Als die Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika vor einigen Jahren ein Schwerpunktheft zu buen vivir herausgab, dokumentierten sie auch die redaktionsinterne Debatte um dieses Thema. Bei einigen herrschte große Skepsis, ob das Konzept neue Perspektiven bieten kann. In der PERIPHERIE-Redaktion sieht es durchaus ähnlich aus. Angesichts solcher Kontroversen lohnt es, die Diskussion weiterzuführen. Durch sie lassen sich bedeutsame Beiträge zur Dekolonisierung der entwicklungstheoretischen und -politischen Diskussion erarbeiten. Dieses Schwerpunktheft zeichnet die im Zusammenhang mit buen vivir stehenden Auseinandersetzungen um Kosmologie und Extraktivismus, Kultur und Politik, Naturverhältnisse und Herrschaft nach.
Von einem post-strukturalistischen Ansatz ausgehend, betonen Ana Patricia Cubillo-Guevara, Julien Vanhulst, Antonio Luis Hidalgo-Capitán und Adrián Beling die Historizität des Konzepts und untersuchen die Widersprüchlichkeit innerhalb unterschiedlicher buen-vivir-Diskurse und die Rolle von deren Protagonist*innen. Sie zeigen, dass diese Diskurse den Ausdruck mit sehr unterschiedlichen Inhalten füllen. Diese Inhalte korrespondierten mit den unterschiedlichen Phasen seiner Geschichte von seiner diskursiven Entstehung über seine Hybridisierung (oder diskursiven Institutionalisierung) bis zu seiner Verzweigung (oder diskursiven Veränderung).
Timmo Krüger zeigt auf, dass verschiedene Akteure in Ecuador und Bolivien, die sich auf buen vivir beziehen bzw. sich an der Debatte beteiligten, unterschiedliche skalare Strategien verfolgen. Indigene Organisationen greifen auf das Konzept des buen vivir zurück, um Rechte auf ihr Territorium zu verteidigen und ihre Kultur zu bewahren. Lateinamerikanische und europäische Intellektuelle, auch dort tätige politische Stiftungen plädieren für eine diskursive Öffnung des Konzepts, um es in internationalen und transkontinentalen Arenen als Alternative zum wachstumsbasierten Entwicklungsmodell zu etablieren. Krüger fragt danach, welche Konsequenzen dies hat: Führt eine Öffnung des Konzepts zur Stärkung emanzipatorischer Potenziale oder zu seiner inhaltlichen Entleerung und damit zu einer Schwächung sozialer Bewegungen.
Pedro Alarcón, Katherine Rocha und Simone DiPetro diskutieren die Rolle von buen vivir im politischen Diskurs über die Bedeutungen von Natur und Entwicklung in Ecuador. Im Zentrum ihrer Analyse stehen die Erdölförderung in dem Land und die Yasuní-ITT-Initiative, die zunächst zu einem staatlichen Förderstopp der Erdölreserven im Yasuní-Nationalpark führte. Für den Verzicht auf die Ölförderung sollte der Staat über einen UNDP-Treuhandfonds internationale Ausgleichszahlungen in Höhe der Hälfte des entgangenen Gewinns erhalten. 2013 beendete die Regierung unter Präsident Rafael Correa die Initiative mit der Begründung, es sei nicht genügend Geld für den Fonds zugesagt bzw. eingezahlt worden. Die Beendigung der Initiative und die darauffolgende Erdölförderung im Yasuní-Nationalpark ist Ausdruck eines grundlegenden Konfliktes zwischen unterschiedlichen Entwicklungskonzepten: Entwicklung als extraktivistische Inwertsetzung natürlicher Ressourcen versus Entwicklung, die eine emanzipative Überwindung von Elend sowie den Schutz von Natur und von Gemeingütern ins Zentrum setzt.
Reinhart Kößler stellt die Frage, ob buen vivir als kritisches Modell überhaupt tauglich ist. Ausgehend von der Dringlichkeit alternativer Lebensformen und Politikmodelle zeigt er konzeptionelle Probleme des buen vivir auf. Seine Unbestimmtheit ermögliche zwar vielfältige Anschlüsse, doch dürfen auch die Fallstricke nicht übersehen werden. So muss aus sozialwissenschaftlicher Sicht gefragt werden, was damit gemeint ist, eine Kultur zu verteidigen. Eine Essenzialisierung von Kultur ist hoch problematisch und kulturelle Setzungen sind durchwoben von Ungleichheiten und Hierarchien. Solche Widersprüche und insbesondere die Frage von Macht und Herrschaft müssen thematisiert werden.
Die beiden Stichwörter runden den Themenschwerpunkt ab: Ana E. Carballo, Adrián Beling & Julien Vanhulst führen in die unterschiedlichen Dimensionen von "buen vivir" ein. Charlotte Schumann zeigt knapp die gewaltigen Schwierigkeiten auf, die sich mit der Kategorie "Indigenität" verbinden.
Die Berichterstattung über Lateinamerika in deutschen Leitmedien untersuchen außerhalb des Schwerpunkts Anna-Lena Dießelmann und Andreas Hetzer. Sie konzentrieren sich dabei auf die Tagesschau, den Spiegel und die Süddeutsche Zeitung. Am Beispiel der Länder Venezuela, Argentinien und Bolivien zeigen sie, wie unterschiedlich die jeweiligen Bewertungen ausfallen, je nachdem, ob eine eher linke oder eher rechte Regierung an der Macht ist. Sie behaupten, durch die Art der Berichterstattung werde Lateinamerika subalternisiert; so würden post-koloniale Herrschaftsverhältnisse perpetuiert.

Die weiteren Hefte dieses Jahrgangs 2018 werden sich den Themen "'Entwicklung'? - Alternativen zur 'Entwicklung'?" sowie "Macht und Prognose" widmen. Das erste Heft des 39. Jahrgangs wird das Thema "Erinnerung, Abgrenzung und Gemeinschaftsbildung" in den Blick nehmen. Darüber hinaus bereiten wir ein Schwerpunktheft zu "Gewalt und Trauma in einer globalisierten Welt" vor. Zu diesen und anderen Themen sind Beiträge sehr willkommen. Die entsprechenden Calls for Papers finden sich auf unserer Homepage, sobald sie veröffentlicht werden.
Schließlich bedanken wir uns bei allen Leser*innen, Abonnent*innen sowie bei den Mitgliedern der Wissenschaftlichen Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V., der Herausgeberin der PERIPHERIE. Unsere größtenteils ehrenamtliche Arbeit ist weiterhin von Spenden abhängig. Eine für die langfristige Sicherung des Projekts besonders willkommene Förderung stellt die Mitgliedschaft im Verein dar, in der das Abonnement der Zeitschrift sowie regelmäßige Informationen über die Redaktionsarbeit enthalten sind. Wir freuen uns aber auch über einmalige Spenden. Unsere Bankverbindung finden Sie, liebe Leser*innen, im Impressum.