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Nr. 152 Macht und Prognose


Inhalt:

Inhaltsverzeichnis

Zu diesem Heft, S. 371

Wolfgang Hein:
Zeit und Raum. Prognosen des globalen Wandels und der Überwindung des Kapitalismus, S. 378

Georg Simonis:
Klimaprognose und politische Macht. Annäherung an ein komplexes Verhältnis, S. 416

Christoph Scherrer:
Überzählige Arbeitskräfte. Die Herausforderung für das Nachhaltigkeitsziel „menschenwürdige Arbeit“, S. 450, S. 198

Diskussion
Reinhart Kößler:
Versprechen und Fallstricke gesellschaftlicher Planung S. 472

PERIPHERIE-Stichwort
Erich Pawlik:
Big Data, S. 483

REZENSIONEN, S. 488
Eckart Conze: Geschichte der Sicherheit. Entwicklung - Themen - Perspektiven (Reinhart Kößler);
Heinrich Geiselberger (Hg.): Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit (Felix Anderl, Laura Gorriahn & Johannes Haaf);
Bettina Engels & Kristina Dietz (Hg.): Contested Extractivism, Society and the State. Struggles over Mining and Land (Anne Hennings);
Werner Ruf: Islamischer Staat & Co. Profit, Religion und globalisierter Terror (Elke Grawert);
Ulrich van der Heyden: Der Dakar-Prozess. Der Anfang vom Ende der Apartheid in Südafrika (Claudia Berger);
Leena Vastapuu: Liberia's Women Veterans. War, Roles and Reintegration (Rita Schäfer);
Lila Chouli: Le contre-pouvoir étudiant au Burkina Faso (Bettina Engels);
Gabriele Beckmann: Blinde Flecken der Entwicklungszusammenarbeit. Zur Kooperationspraxis lokaler Non-Profit-Organisationen in Bolivien (Antje Daniel);
Efe Can Gürcan & Efe Peker: Challenging Neoliberalism at Turkey's Gezi Park. From Private Discontent to Collective Class Action (Corinna Eleonore Trogisch);

Eingegangene Bücher, S. 507
Summaries, S. 509
Zu den Autorinnen und Autoren, S. 511
Jahresregister, S. 512




Zu diesem Heft

Unsicherheit über die Zukunft spielt auch in den Regionen des Globalen Nordens eine zunehmende Rolle, in denen sich die meisten Bewohner*innen lange Zeit relativ sicher fühlen konnten. Den Hintergrund bildeten Prozesse sozio-ökonomischen und ökologischen Wandels, die uns schon seit einigen Jahrzehnten begleiten - wie Globalisierung, Umweltkrise und Klimawandel, Altersversorgung und, sofern wir über unseren Tellerrand hinausschauen, auch Kriege, Hunger und Katastrophen im Globalen Süden. Dem Anschein nach stabile Demokratien im Globalen Norden und ein Multilateralismus, der sich der bedrohlichsten Krisen annahm (Klimapolitik und das Paris-Abkommen, die Sustainable Development Goals und - das vielleicht noch am wenigsten - internationale Verhandlungen zu regionalen trouble spots), erzeugten allerdings ein gewisses Vertrauen in die Fähigkeit, globale Konflikte kurz und mittelfristig einigermaßen „managen“ zu können, ja möglicherweise durch zukunftsorientierte politische Kräfte und eine globale Zivilgesellschaft mit wachsendem Einfluss Transformationsprozesse in Richtung auf eine „bessere Welt“ durchzusetzen. Nach der Konfrontationspolitik, die in den 1970er Jahren zur Durchsetzung neoliberaler Globalisierung geführt hatte, setzte sich eine Form neoliberaler Gouvernementalität durch, die bemüht war, den Akkumulationsprozess des globalen Kapitals durch einen kompromissorientierten Diskurs zu fördern. Viele Prognosen beschäftigten sich mit der Entwicklung von Global Governance, den Perspektiven der Bekämpfung von Ungleichheit und der Inklusion bzw. den zu erwartenden Konflikten in diesen Politikfeldern.
Seit den 2010er Jahren aber werden derartige Ziele zunehmend von politischen Akteuren zugunsten von „nationaler Größ“ und „nationaler Identität“ in Frage gestellt: In einer Reihe europäischer Länder befinden sich überkommene Parteistrukturen, die zumindest bürgerlich demokratische Werte absicherten, in einem Prozess der Auflösung; neopopulistische Kräfte mit teilweise faschistischen Parolen treten selbstbewusster auf. Im Namen der europäischen Grenzsicherung ertrinken zahllose Menschen im Mittelmeer. Der menschengemachte Klimawandel wird wieder häufiger geleugnet. Schließlich wird ein Protektionismus, der keinen „gerechten Handel“ anstrebt, sondern Handelskriege und nationalen Egoismus provoziert, zum Hauptthema der Handelspolitik. Angesichts aller dieser Entwicklungen müssen die Grundlagen früherer Prognosen, wie sich die globalisierte Welt entwickeln werde, in Frage gestellt werden - erst recht, weil hier Strategien verfolgt werden, die längst überwunden geglaubte Zielsetzungen verfolgen. Müssen wir uns, nach gut 70 Jahren einer relativ ruhigen Entwicklung im kapitalistischen Teil des Globalen Nordens, auf eine neue „turbulente“ Epoche einstellen? Welche Perspektiven gesellschaftlichen Wandels gibt es? Wie steht es heute fast 30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion um die Prognosen des Zusammenbruchs der kapitalistischen Produktionsweise und um Utopien einer kommunistischen Gesellschaft?
Entwürfe alternativer Gesellschaftsformen, Utopien oder Dystopien (negative Zukunftsbeschreibungen), haben eine lange Geschichte, die im Westen bis auf Platon zurückreicht, in der Neuzeit durch Thomas Morus' Utopia und schließlich durch viele andere Autoren, auch im Umfeld von Marxismus und Feminismus (z.B. Marge Piercy), weitergeführt wurde. Zumeist ging es dabei um das Ausbuchstabieren normativer Zielvorstellungen im Modus der Utopie, nicht um die Erkundung realistischer Zukunftsoptionen.
Allerdings waren es vor allem die Erfahrungen des Faschismus und des Zweiten Weltkriegs, die in den 1950er und 1960er zum Entstehen eines differenzierten wissenschaftlichen Feldes der „Futurologie“ führten. Die zuletzt erfahrenen und vielfach miteinander verflochtenen Krisen (Wirtschaftskrisen, Weltkriege, russische Revolution und das Entstehen eines „sozialistischen Weltsystems“, Umweltkrise, zerfallende Staaten und Terrorismus, damals die Erfahrung der Staatenlosigkeit und jüngst die Krise des Flüchtlingsschutzes) sowie vielfältige politische Konflikte ließen es nicht nur aus der Perspektive der Herrschenden bedeutsam erscheinen, zukünftige Entwicklungen zu antizipieren. Vor diesem Hintergrund ist das Entstehen einer eigenen Forschungsrichtung, der Zukunftsforschung, zu verstehen. Während Ossip K. Flechtheim, dem die Einführung des Begriffs „Futurologie“ (1943) zugeschrieben wird, auch in seiner Zeit an der FU Berlin eine „humanistisch-demokratische“ Zukunftsforschung verfolgte, haben viele andere Projekte vor allem das Ziel, Wege der Stabilisierung bestehender Strukturen „im Wandel“ zu erforschen und Prognosen zu entwickeln, die Transformationen gestaltbar machen würden.
Prognosen beschäftigen sich in verschiedener Weise mit der Macht, Ziele, Normen und den Rahmen für Planungen zu setzen bzw. Widerstand zu mobilisieren. Sie weisen aber auch auf die Macht des „Denkbaren“ hin, die sowohl durch die soziale Konstruktion der jeweiligen Wirklichkeiten vorgegeben ist, als auch durch die Fähigkeit, andere Zukünfte zu projizieren, wie aufgrund teleologischer/religiöser Vorstellungen oder einer Analyse der Widersprüche und Krisenphänomene in liberal/kapitalistischen Gesellschaften. Michel Foucault erkannte, dass bestimmte historisch entstandene Sinn und Erfahrungsmuster die Grundlage dessen bilden, was in bestimmten gesellschaftlichen Kontexten als Wahrheit angesehen wird. Damit erscheinen auch Vorstellungen über mögliche (und in normativen Zusammenhängen: anzustrebende) Zukünfte wie „Technischer Fortschritt“ und Wirtschaftswachstum in bürgerlichen Diskursen als selbstverständliche Ziele. Zu berücksichtigen ist in diesem Zusammenhang auch, dass die seit dem 19. Jahrhundert erheblich gewachsene Komplexität und gestiegene Investitionsvolumina im privatwirtschaftlichen wie im öffentlichen Bereich zunehmend langfristige Planungen und damit Prognosen zu den Auswirkungen von Handlungsstrategien ebenso wie zu den wahrscheinlichen Veränderungen des gesellschaftlichen Umfelds erfordern.
Ähnliches gilt für Strategien zur Verhinderung zukünftiger Katastrophen. Das betrifft etwa die Verhinderung von Krieg, vor allem eines Atomkriegs, und die Vermeidung von Umweltkatastrophen. Voraussagen haben die Umweltdiskussion seit Beginn geprägt, etwa die Voraussagen eines Mangels an Nahrungsmitteln für eine wachsende Bevölkerung, Studien zu den Grenzen des Wachstums, nachhaltige Entwicklung, Klimapolitik und die Prognosen zum Klimawandel. Entgegengestellt werden ihnen komplexe Szenarien einer „grünen Ökonomie“ und einer Entkopplung von Wachstum und CO2 Ausstoß, sowie biopolitische Modelle, die z.B. die Steigerung gesellschaftlicher Resilienz vorsehen, um damit ganze Bevölkerungen wirksam auf Folgen des Klimawandels vorzubereiten. Prognosen gewinnen damit auch in der Entwicklungspolitik im praktischen Kontext der Klimafolgenanpassungsprojekte (Resilienzstärkung) und des präventiven Katastrophenschutzes an Bedeutung. Mit der Vermeidung von Katastrophen ist ein Ziel bezeichnet, das sich grundsätzlich kaum zurückweisen lässt. Unter diesem Banner gehen allerdings vielfältige Prämissen mehr oder weniger stillschweigend in vorgeblich objektive Analysen ein, die sich näher besehen als Ausdruck einer stark interessengeprägten Wahrnehmung von gesellschaftlichen Zusammenhängen erweisen.
In diesem Heft der PERIPHERIE behandeln zwei längere Artikel zentrale Themen im aktuellen Krisenzusammenhang: Prognosen zur Überwindung des Kapitalismus und Prognosen zum Klimawandel.
Zunächst gibt Wolfgang Hein einen Überblick über die Ansätze zur Prognose gesellschaftlicher Entwicklungen, diskutiert dann die Rolle der Futurologie als Wissenschaft und ihre methodologischen Probleme sowie andere Formen des Redens über Zukunft. Am Beispiel von Global 2000, einer umfassenden Studie zu den Grenzen der globalen Umweltressourcen, untersucht er die Grenzen systemimmanenter Transformationsstrategien. Dies verweist auf marxistische Ansätze zu den Widersprüchen des Kapitalismus und dessen Überwindung. Hein stellt allerdings fest, dass diese zwar erstaunlich korrekte langfristige Prognosen der globalen Expansion kapitalistischer Akkumulation geliefert, gleichzeitig aber die Adaptationsfähigkeit kapitalistischer Produktionsverhältnisse unterschätzt haben. Zudem zeigt er, dass diese Vorhersagen die Veränderungen des Raum-Zeit-Gefüges nicht im Blick hatten. In den vergangenen Jahrzehnten stand diese erstaunliche Adaptationsfähigkeit stärker im Vordergrund als Prognosen der Systemüberwindung. Ungleiche Entwicklung verbunden mit Strukturen von Global Governance haben eine relative Stabilität der politischen Systeme des Globalen Nordens erzeugt und deren globale Dominanz zunächst stabilisiert (u.a. auch durch den Zusammenbruch des „sozialistischen Weltsystems“). Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und des atomaren Patts ließen die Vorstellungen einer gewaltsamen sozialistischen/kommunistischen Revolution kaum mehr als eine wünschenswerte Option erscheinen. Diese Situation erscheint heute als gefährdet: Einerseits destabilisiert das Erstarken autoritärer Regime (Russland, China) die globalen Hegemoniestrukturen, wobei allerdings die Politik der gegenwärtigen US-Administration ebenfalls ihren Beitrag dazu liefert. Andererseits untergraben systemgefährdende Formen des Widerstands aus dem Globalen Süden nationale Souveränität bzw. deren regelkonforme Begrenzung in Strukturen von Global Governance (militanter Islamismus; Drogenhandel, fehlende Regeln der Migration etc.). Diese Entwicklungen stellen die Austragung von Konflikten über globale Normen und zukunftsfähige soziale und ökonomische Strukturen in einer regelgesteuerten globalen politischen Arena in Frage. Angesichts der Unsicherheit über den Ausgang globaler Konflikte wäre es wichtig, so argumentiert Hein, eine Utopie des Aufbaus einer „Weltgesellschaft von unten“ der Dystopie einer Welt regressiver nationaler Egoismen entgegenzustellen.
Im Rahmen eines derartigen Diskurses sind konkurrierende Prognosen sozial-ökologischer und sozio-kultureller Entwicklungen ebenso wie Prognosen ungleicher Entwicklung/sozialer Ungleichheit auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen (lokal, regional, national, global) und der Dynamik sozialer/politischer Konflikte von großer Bedeutung.
Dieses Heft soll dazu beitragen, Rahmenbedingungen für Veränderungen diskursiver Hegemoniestrukturen in Richtung auf eine emanzipatorische Überwindung aktueller Widersprüche zu diskutieren. Dies betrifft in besonderem Maße auch die Diskurse über „Entwicklung“ im Globalen Süden: Einerseits wird das Erreichen eines materiellen Wohlstands als zentrales Ziel angesehen. Dabei dienen die Gesellschaften des Globalen Nordens als Vorbild. Andererseits wird aus postkolonialer Sicht genau dies abgelehnt. So imaginierten afrofuturistische Perspektiven in Kunst und Literatur andere Zukünfte (und Geschichte) und grenzten sich kulturkritisch von eurozentrischen Formen der Prognose, der „Entwicklung“ oder der künstlerisch-ästhetischen Avantgarde ab. Auch wenn dies in den Beiträgen dieses Heftes nicht thematisiert wird, liegt hier doch ein wichtiger Ansatzpunkt für weitere Diskussionen.
Im zweiten Artikel des Heftschwerpunktes analysiert Georg Simonis das komplexe Verhältnis zwischen Klimaprognose und politischer Macht. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass die grundlegenden Zusammenhänge des Klimawandels nicht unmittelbar erfahrbar sind, sondern wissenschaftlich vermittelt werden. Klimagovernance als Form der institutionalisierten Koordination politischer Akteure zur Vermeidung und Bewältigung des anthropogenen Klimawandels hängt von geowissenschaftlichen Erkenntnissen und der kontinuierlichen Aktualisierung von Forschungsergebnissen ab, insbesondere von Prognosen darüber, wie sich das Wettergeschehen in der Zukunft (in 30, 50 oder 100 Jahren und mehr) global, regional und lokal (durchschnittlich) gestalten wird. Angesichts unterschiedlicher gesellschaftlicher Handlungsmöglichkeiten sind Prognosen allerdings nur in der Form von wissenschaftlich begründeten Szenarien möglich, die unterschiedliche Entwicklungspfade der vom Menschen geprägten sozio-ökonomischen und politischen Verhältnisse modellieren.
Damit wissenschaftliche Prognosen oder Szenarien politische Bedeutung erlangen, müssen sie von politischen Akteuren anerkannt und in das politische Handeln relevanter Akteure einfließen. Klimagovernance impliziert so eine zunehmende gesellschaftliche und politische Bedeutung der geowissenschaftlichen Forschung und zugleich einen Machtgewinn politischer Akteure, die die Forschungsergebnisse für die Politik interpretieren. Sie geht mit einer Verwissenschaftlichung der Politik und einer Aufwertung der Zukunftsdimension sowie mit der Institutionalisierung von prognosefähigen Planungsapparaten einher. Die Machtentfaltung des Klimaregimes hängt neben zahlreichen Faktoren auf den nationalen Handlungsebenen ganz entscheidend von der Leistungsfähigkeit eines transnationalen politisch-ökologischen Komplexes (TPÖK) ab, der durch seine politischen Aktivitäten (etwa durch die Desinvestmentkampagne) zur praktischen Delegitimierung und Schwächung des fossilistischen Sektors beiträgt und einen Verlust an ökonomischer und ökonomisch basierter politischer Macht der Unternehmen des fossilistischen Lagers impliziert. Allerdings lässt sich überhaupt nicht voraussehen, wie effektiv sich die Transformation vollziehen wird und mit welchen politischen Kämpfen sie verbunden sein wird. Was sich aber mit einiger Gewissheit bereits heute empirisch untermauern lässt, ist die Herausbildung eines TPÖK in Wechselwirkung mit einem polyzentrischen internationalen Klimaregime. Beide modifizieren - jeweils in sehr unterschiedlicher Art und Weise - die nationalen politischen Verhältnisse, vorrangig die politisch-administrativen Systeme, aber auch die parteipolitischen und zivilgesellschaftlichen Machtkonstellationen.
„Markt“ und „Plan“ stehen für alternative Konzepte gesellschaftlicher Koordination. Kommunistische Gegenentwürfe zum Kapitalismus gehen von der Vorstellung einer Planmäßigkeit auf der Grundlage der weitgehenden Ausschaltung der Marktmechanismen aus. Damit sind sowohl theoretisch als auch nach der Russischen Revolution ganz praktisch eine Reihe von Schwierigkeiten und Widersprüchen verbunden. In einem Diskussionsbeitrag, dessen auf Bertolt Brecht zurückgehendes Motto auf die Schwierigkeiten des adäquaten Erfassens hochkomplexer Zusammenhänge verweist, diskutiert Reinhart Kößler die Herausbildung und die Widersprüche umfassender Planung in der Sowjetunion. Dies betrifft sowohl die Begünstigung despotischer Verhältnisse als auch materielle Dysfunktionalitäten. Wie eine Analyse der klassischen Texte zeigt, waren diese Probleme bereits in den Überlegungen zur „unmittelbaren Vergesellschaftung“ in einem „Verein freier Menschen“ enthalten, wie Karl Marx sie als Gegenentwurf zur kapitalistischen Warenproduktion skizziert hat. Kößler schlägt vor, in Anknüpfung an Diane Elson mehr über institutionelle Voraussetzungen einer egalitären Beteiligung am Markt nachzudenken.
Mit seinem kritischen Überblick über die Hintergründe, vor allem aber die vielfältigen Risiken, die sich mit Big Data verbinden, rundet Erich Pawlik das Schwerpunktthema weiter ab. Daten sind die Grundlage jeder Planung und Prognose. Die Verfügung über sie konstituiert eine Macht, über deren Dimensionen sich die wenigsten klar sind, während sie oft, ohne es recht zu wissen, in ihrem Alltag in die Realität von Big Data verstrickt sind.
Außerhalb des Schwerpunkts untersucht Christoph Scherrer an den Beispielen Ghanas und Indiens ungleiche und ungleichzeitige Entwicklung als Aspekte der Transformation des Kapitalismus. Dabei rückt er die Frage „überflüssiger“ Arbeitskräfte ins Zentrum und fragt nach den Möglichkeiten, das achte der UN Nachhaltigkeitsziele: menschenwürdige Arbeit, umzusetzen. Unter den Bedingungen nachholender Entwicklung besteht kaum eine Chance für kleine und informelle Unternehmen in armen Ländern, gegenüber der Konkurrenz technologisch hochentwickelter Konzerne zu bestehen - vor allem nicht unter den Bedingungen neoliberaler Globalisierung und einem hohen Produktivitätsgefälle zum Globalen Norden. Das Ergebnis ist in Verbindung mit anderen Faktoren (hohes Bevölkerungswachstum, brain drain usw.) die Unfähigkeit, Arbeitskräfte in ausreichender Zahl in formale Arbeitsmärkte zu integrieren. Einige Länder konnten zwar auf der Grundlage einer stärkeren Staatsintervention von der Verlagerung industrieller Wertschöpfung profitieren, doch beschränken diese Erfolge gleichzeitig die Industrialisierungsmöglichkeiten anderer Länder des Global Südens. Die Regeln der Weltwirtschaft stärken jedoch fast immer die Macht der Konzerne aus dem Globalen Norden.

Die Hefte des Jahrgangs 2019 werden sich den Themen „Erinnerung, Abgrenzung und Gemeinschaftsbildung“, „Vertreibung durch Entwicklungsprojekte“ sowie „Abschiebungen global“ widmen. Darüber hinaus bereiten wir Schwerpunkte zu „Bio-Ökonomie“ und „Protest und Reform in der globalen Ökonomie“ vor. Zu diesen und anderen Themen sind Beiträge sehr willkommen. Die entsprechenden Calls for Papers finden sich auf unserer Homepage, sobald sie veröffentlicht werden.
Zum Abschluss des aktuellen Jahrgangs möchten wir uns wieder herzlich bei den Gutachter*innen bedanken, die einmal mehr durch ihre gründliche, engagierte und kritische Arbeit zum Gelingen der Hefte maßgeblich beigetragen haben. Ihre Namen sind in alphabetischer Reihenfolge im Jahresregister aufgeführt. Ferner gilt unser Dank Sarah Becklake, die als englische Muttersprachlerin die Summaries korrigiert hat.
Schließlich bedanken wir uns bei allen Leser*innen, Abonnent*innen sowie bei den Mitgliedern der Wissenschaftlichen Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V., der Herausgeberin der PERIPHERIE. Unsere größtenteils ehrenamtliche Arbeit ist weiterhin von Spenden abhängig. Eine für die langfristige Sicherung des Projekts besonders willkommene Förderung stellt die Mitgliedschaft im Verein dar, in der das Abonnement der Zeitschrift sowie regelmäßige Informationen über die Redaktionsarbeit enthalten sind. Wir freuen uns aber auch über einmalige Spenden. Unsere Bankverbindung finden Sie, liebe Leser*innen, im Impressum. Wir wünschen Ihnen und Euch eine anregende Lektüre und einen guten Start ins Jahr 2019.