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Nr. 145 Widerstand mit Kunst


Inhalt:

Inhaltsverzeichnis

Zu diesem Heft, S. 3

Lisa Bogerts:
Ästhetik als Widerstand. Ambivalenzen von Kunst und Aktivismus, S. 7

Radwa Khaled:
Künstlerische Alltagspraktiken als Politik. Perspektiven der (Nicht-)Bewegungsforschung auf Ägypten
, S. 29

Hjalmar Jorge Joffre-Eichhorn:
Das Theater der Unterdrückten und Vergangenheitsaufarbeitung in Afghanistan Kollektive Ermächtigung und neue Dependenzen, S. 52

Annett Bochmann:
Soziale Ordnungen, Mobilitäten und situative Grenzregime im Kontext burmesischer Flüchtlingslager in Thailand, S. 76

PERIPHERIE-STICHWORT
Kristine Avram: Transitional Justice, S. 98

REZENSIONSARTIKEL
Hanns Wienold: Mücken und Grillen Eine religionsökonomische Landpartie, S. 102

REZENSIONEN, S. 118
Karin Fischer, Johannes Jäger & Lukas Schmidt: Rohstoffe und Entwicklung. Aktuelle Auseinandersetzungen im historischen Kontext (Georg H. Landauer)
Clare Land: Decolonizing Solidarity - Dilemmas and Directions for Supporters of Indigenous Struggles (Daniel Bendix)
Bettina Engels, Melanie Müller & Rainer Öhlschläger (Hg.): Globale Krisen - Lokale Konflikte? Soziale Bewegungen in Afrika (Sarah Kirst)
Sabelo Ndlovu-Gatsheni (Hg.): Mugabeism? History, Politics and Power in Zimbabwe (Rita Schäfer)
Deborah James: Money from Nothing. Indeptness and Aspiration in South Africa (Rita Schäfer)
Maria Backhouse: Grüne Landnahme. Palmölexpansion und Landkonflikte in Amazonien (Jan Brunner)
Maximilian Lakitsch, Susanne Reitmair & Katja Seidel (Hg.): Bellicose Entanglements 1914. The Great War as a Global War (Reinhart Kößler)
Johanna Neuhauser: Sextourismus in Rio de Janeiro. Brasilianische Sexarbeiterinnen zwischen Aufstiegsambitionen und begrenzter Mobilität (Miriam Trzeciak)
Beatrice Bourcier: Mein Sommer mit den Flüchtlingen. Der bewegende Bericht einer freiwilligen Flüchtlingshelferin (Helen Schwenken)

Eingegangene Bücher, S. 139
Summaries, S. 141
Zu den Autorinnen und Autoren, S. 143
Gute Buchläden, in denen die Peripherie zu haben ist, S. 144




Zu diesem Heft

In dieser Ausgabe der PERIPHERIE führen wir die im letzten Heft begonnene Auseinandersetzung mit Phänomenen in der Schnittmenge von politischem und künstlerischem Aktivismus fort. Die in diesem Heft versammelten Beiträge verbindet die Frage nach der Möglichkeit, mit künstlerischen Mitteln emanzipatorischen Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse zu leisten oder zu befördern. In der Auseinandersetzung mit Kunst steht darum nicht die Analyse von künstlerischen Positionen und ästhetischen Erfahrungen der Rezipierenden im Vordergrund, sondern das Potenzial künstlerischer Arbeit, in die Gesellschaft hinein zu wirken und die Gesellschaft verändernde Prozesse anzustoßen.
Wir erleben in diesen Zeiten den globalen Aufschwung rechts-populistischer Figuren und Bewegungen, was daran erinnert, dass Widerstand (ebenso wie Kunst) nicht per se emanzipatorisch und links ist. Ein Blick in die Vergangenheit, zum Beispiel in die frühe Zeit der Sowjetunion, zeigt, dass umgekehrt Kunst, die sich als revolutionär und widerständig zur Herrschaft verstanden hat, sich im Zuge des revolutionären Prozesses auf oder an der Seite der (neuen) Herrschenden wiederfinden konnte. Ob und wie Künstler*innen und deren Kunst sich politisch zwischen Herrschaft und Widerstand positionieren, ist also eine immer wieder neu zu stellende Frage. Gewiss spielt die Eigenlogik des künstlerischen Feldes eine Rolle, für die Entstehung und widerständige Wirkung emanzipatorischer Kunst sind aber mindestens ebenso individuelle und kollektive Entscheidungen sowie die gesellschaftliche Situation, in der künstlerische Arbeit ausgeübt wird, von Bedeutung. Als Zeitschrift interessiert uns dabei besonders die Rolle des Verhältnisses von Zentrum und Peripherie in der postkolonialen Welt.
Lisa K. Bogerts stellt Überlegungen dazu an, unter welchen Bedingungen Kunst als Widerstand begriffen werden kann und welche Ambivalenzen und Konflikte damit einhergehen. Sie schlägt dafür eine mehrdimensionale und werkabhängige Betrachtung vor, mit deren Hilfe auf fünf Ebenen Formen des Widerstands im Kunstkontext sichtbar werden: einer rechtlichen, einer räumlichen, einer ikonologischen und einer Produktions- sowie Rezeptionsebene. Ihre Argumentation entwickelt sie entlang des vorherrschenden Kulturwissenschafts- und Kunstdiskurses, der von westeuropäischen Theoriedebatten mit universalem Anspruch geprägt ist, und verdeutlicht ihre Position mit Beispielen aus der Peripherie. Ihr Beitrag weist so auf die noch zu überwindenden blinden Flecken in der Wahrnehmung peripherer Theoriebildung hin.
Radwa Khaled wertet das Material ihrer filmischen Untersuchung der künstlerischen Protestszene in Kairo aus. Ihr besonderes Augenmerk liegt dabei auf kreativen Handlungen im alltäglichen Kontext, seien es Graffiti im öffentlichen Raum der Stadt oder in sozialen Netzen geteilte Fotomontagen. Wenn das widerständige Potenzial künstlerischer Arbeit und dessen Realisierung nicht zuletzt von den gesellschaftlichen Verhältnissen abhängt, dann liegt es nahe, nach den spezifischen Bedingungen für künstlerischen Aktivismus in einem Land der Peripherie zu fragen. Khaled greift dafür Asef Bayats aus dem Kontext islamisch geprägter Gesellschaften des Nahen Ostens entstandene Theorie sozialer Nicht-Bewegungen auf. Indem sie den aus der sozialen Bewegungsforschung bekannten Framing-Ansatz auf Nicht-Bewegungen anwendet, entwickelt sie eine Erklärung dafür, dass sich aus individuellem, künstlerischem Aktivismus wirkmächtige Rahmungen ergeben, die sich spontan verbreiten und relevante Teile der Gesellschaft situativ so zusammenführen, wie es gewöhnlich nur kollektive Organisierung vermag.
Seine politische Theaterarbeit in Afghanistan steht im Mittelpunkt der Reflexionen Hjalmar Jorge Joffre-Eichhorns. Die von ihm mit gegründete Afghanistan Human Rights and Democracy Organization greift mit Techniken des Theater der Unterdrückten, des dokumentarischen Theaters und anderen emanzipatorischen Theatermethoden in den Prozess der Befriedung und Versöhnung ein, um den zivilen Opfern des Krieges eine Stimme und - vielleicht noch wichtiger - ein Selbstbewusstsein als nicht zu übergehender Teil der Gesellschaft zu geben. Joffre-Eichhorn zeigt die beeindruckenden Erfolge der Theaterarbeit für die Selbstorganisierung der Kriegsopfer im Kampf um Anerkennung, Entschädigung und Gerechtigkeit auf, bringt zugleich aber auch die Abhängigkeit des Projekts von internationalen Geldgebern und die damit einhergehenden thematischen Einflussnahmen auf die Arbeit und internen Konflikte in der Gruppe zur Sprache.
Passend zum Thema der Selbstorganisierung von Kriegsopfern in Afghanistan stellt Kristine Avram im PERIPHERIE-Stichwort den Forschungsstand und das Konzept der Transitional Justice vor und zeigt dessen Schwachpunkte und die Kritiken an den impliziten Vorannahmen des Ansatzes auf.
Außerhalb des Heftschwerpunktes untersucht Annette Bochmann Mobilitäten und situative Grenzregime im Kontext burmesischer Flüchtlingslager in Thailand. Dazu greift sie auf die soziologisch-philosophischen Theorien Erving Goffmans über die totale Institution, Michel Foucaults über Disziplinierungsinstitution und Biopolitik und Georgio Agambens über das Lager als Nómos der modernen Welt zurück, um bestimmte Lagerstrukturen zu identifizieren. In der Analyse des empirischen Materials, das sie in burmesischen Flüchtlingslagern in Thailand zusammentrug, zeigt sie, dass die Theorien nicht ausreichen, um die soziale Ordnung eines Flüchtlingslagers adäquat zu beschreiben. Daher müsse, so ihr Ergebnis, diese Theorie durch Theorien der Mikrosoziologie ergänzt werden.
Schließlich befasst sich Hanns Wienolds Rezensionsartikel anhand der Besprechung der beiden Bände über Kapitalismus - eine Religion in der Krise, die auf ein Forschungskolleg des interuniversitären Zentrums für Religion, Wirtschaft und Politik/Collegium Helveticum-Basel zurückgehen, mit den „theologische(n) Mucken“ und den „Grillen“ im „Holzkopf“ der Waren (Karl Marx) und zeigt die „Mücken und Grillen“ derart oberflächlicher Kapitalismuskritik auf.

Einen Widerstand besonderer Art erlebte die Redaktion von Seiten der Kunst und Kultur bei der Suche nach geeigneten Gutachter*innen für das peer-review-Verfahren der Beiträge in dieser und der letzten Ausgabe. Auffällig häufig ereilten uns Absagen, zuweilen mit der klaren Ansage, ohne Bezahlung sei man nicht zu solcher Arbeit bereit. Als ehrenamtlich arbeitende Redaktion, die sich zugleich entschieden gegen prekäre Arbeitsverhältnisse und jegliche Form der Ausbeutung wendet, hat dies bei uns zwiespältige Reaktionen hervorgerufen. Als kleine wissenschaftliche Zeitschrift tragen wir die notwendigen Kosten der Heftproduktion zusammen mit den Mitgliedern der WVEE über unsere Mitgliedsbeiträge. Die Zeitschrift als eine kritische Stimme im Feld von Wissenschaft und Praxis aufrecht zu erhalten, ist uns ein politisches Anliegen. Die Begutachtung eines Artikels ist gewiss Arbeit und auch im Wissenschaftsbetrieb hat längst nicht jede*r die Möglichkeit, dies im Rahmen seiner bezahlten Tätigkeit zu erledigen. Unter anderem weil die Veröffentlichung begutachteter Artikel für unsere Autor*innen mittlerweile zur „Währung“ bei Evaluationen und Bewerbungen geworden ist, haben wir uns als Redaktion für dieses Verfahren entschieden und sind auch viele unserer Autor*innen und Kolleg*innen bereit, ihrerseits Artikel anderer zu begutachten. Im Feld der Kunst und Kulturschaffenden sieht das anders aus. Ein begutachteter Artikel ist für die Karriere weniger bedeutend. Kulturetats sind nicht nur (wie Wissenschaftsetats auch) regelmäßig unterfinanziert, oft wird künstlerische Arbeit nicht wirklich als Arbeit anerkannt. Viele, wenn nicht die meisten Künstler*innen, müssen zum Lebensunterhalt noch einer anderen Beschäftigung nachgehen. Entsprechend ausgeprägt ist der Anspruch, nur gegen Bezahlung aktiv zu werden, eine Position, die gerade im Schnittfeld zwischen politischem und künstlerischem Aktivismus schnell zu Konflikten führen kann. Umso mehr freuen wir uns, am Ende doch noch für alle Artikel kompetente (anonyme) Gutachter*innen gefunden zu haben, bei denen wir uns auf diesem Wege ganz besonders herzlich bedanken.

In der PERIPHERIE 142/143 gab Cavidan Soykan (Universität Ankara) einen Einblick in das „Wagnis der freien Meinungsäußerung in der türkischen Hochschullandschaft“ (https://doi.org/10.3224/peripherie.v36i142-143.24686, S. 354-359). Mit dem seit dem 1. September 2016 mittlerweile fünften Dekret wurden am 7. Februar 2017 erneut 330 Wissenschaftler*innen entlassen. Mit 78 Entlassenen, darunter auch unsere Autorin, war die Zahl an der Universität Ankara am höchsten; besonders betroffen ist die 1859 gegründete und für kritisches Denken bekannte politikwissenschaftliche Fakultät. Vor dieser Fakultät gab es kurz darauf eine Kundgebung, zu der u.a. die Bildungs- und Wissenschaftsgewerkschaft E?itim-Sen aufrief. Professor*innen legten ihre Talare auf den Boden; schließlich trampelte die Polizei darüber und schlug die Kundgebung nieder. Nach der Selbsttötung des promovierenden Unterzeichners der Friedenspetition Mehmet Fatih am 25. Februar 2017 ist die spezifische Situation dieser Gruppe besonders deutlich geworden. Die Academics for Peace (https://barisicinakademisyenler.net/) sind nun auf der Suche nach Möglichkeiten für Promovierende, ihre Dissertationen im Ausland abzuschließen. Falls Sie, liebe PERIPHERIE-Leser*innen, Möglichkeiten in Projekten o.ä. sehen, können Sie sich gerne an unser Redaktionsmitglied Helen Schwenken (hschwenken@uos.de) wenden, die Ihre Anregungen gerne weitervermitteln wird.

Die folgenden Hefte werden sich mit den Themen „Rassismus“, „Anspruch und Wirklichkeit ziviler Konfliktbearbeitung und Friedensförderung“, „Macht und Prognose“ sowie „Konzepte gewaltfreier Selbstverteidigung“ befassen. Zu diesen und anderen Themen sind Beiträge sehr willkommen. Die entsprechenden Calls for Papers finden sich auf unserer Homepage.
Für unsere weitgehend ehrenamtliche Arbeit sind wir auch weiterhin auf die Beiträge der Mitglieder der WVEE, der Herausgeberin der PERIPHERIE, und auf Spenden angewiesen. Wir freuen uns daher über neue Vereinsmitglieder ebenso wie über einmalige Spenden. Unsere Bankverbindung finden Sie, liebe Leser*innen, im Impressum.